An diesen 8 Merkmalen erkennst du gefühlsstarke Kinder

Ist mein Kind ein gefühlsstarkes Kind?

Um herauszufinden, ob ein Kind hochbegabt ist, gibt es standardisierte Intelligenztests.

Für Eltern, die sich fragen, ob ihr Nachwuchs hochsensibel ist, werden Fragebögen zum Selberbeantworten im Internet angeboten.

Um zu sagen, ob ein Kind gefühlsstark ist oder nicht, braucht es keine solchen Tests.

Denn wenn Gefühlsstärke keine Diagnose darstellt, sondern vielmehr ein Erkennungsmerkmal für betroffene Eltern und unter betroffenen Eltern ist,

so ist es letztlich vollkommen unerheblich, welche Kriterien ein Kind nun ganz objektiv auf einer Skala von 1 bis 10 erfüllt.

Gefühlsstarke Kinder erkennen

Es gibt für Gefühlsstärke zum Glück keine standardisierten Testverfahren und keine medizinischen oder psychologischen Autoritäten, die unseren Kindern eine entsprechende Bezeichnung verleihen oder verwehren könnten.

Nein, beim Erkennen gefühlsstarker Kinder zählt letztlich vor allem eins: das subjektive Empfinden der Familien.

Sie kennen ihr Kind schließlich am besten.

Gefühlsstarke Kinder erkennen: 8 typische Eigenschaften gefühlsstarker Kinder

Die Pädagogin Mary Sheedy Kurcinka benennt in ihrem Buch Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden* acht typische Charaktereigenschaften, die bei gefühlsstarken Kindern übermäßig stark ausgeprägt sind.

Nicht jedes verkörpert alle diese Eigenschaften, doch sie geben Aufschluss darüber, woran wir alle gefühlsstarke Kinder besonders gut erkennen können.

1.

Mein Kind erlebt Gefühle unglaublich intensiv

Gefühlsstarke Kinder verhalten sich oft schon als Babys nicht wie andere Neugeborene.

Sie quäken nicht – sie schreien.

Sie schmatzen nicht leise, wenn sie Hunger bekommen, sondern brüllen von jetzt auf gleich los.

Sie haben eine unglaubliche Angst vor dem Alleingelassenwerden und weinen panisch, sobald sie keinen Körperkontakt haben.

(Sie hassen deswegen auch oft den Kinderwagen und das Babybett und lieben das Tragetuch.)

Werden sie älter, bleibt das Auf und Ab intensiver Gefühle ihr stetiger Wegbegleiter: Jedes umgeschüttete Saftglas ist ein Drama, die falsche Mütze kann einen ganzen Nachmittag ruinieren.

Belanglose Kleinigkeiten gibt es für diese Kinder nicht.

Jede Sache ist eine große Sache, und jede emotionale Reaktion geht bei ihnen ganz, ganz tief.

Die meisten gefühlsstarken Kinder tragen diese intensiven Emotionen relativ ungefiltert nach außen: Sie schreien und weinen laut und schrill, wenn es ihnen mit etwas schlecht geht (und das ist oft der Fall).

Ihre Wutanfälle sind deshalb lang und gefürchtet.

Es gibt allerdings auch gefühlsstarke Kinder, die Emotionen ebenso heftig erleben, diese jedoch nicht nach außen, sondern nach innen hin verarbeiten.

Diese Kinder werden in den vielen für sie herausfordernden Situationen im Alltag ganz still und in sich gekehrt und versuchen angestrengt, die über sie hineinbrechende Flut der Gefühle mit sich selbst abzumachen.

2.

Mein Kind ist extrem ausdauernd und hartnäckig

Wenn gefühlsstarke Kinder sich etwas in den Kopf gesetzt haben, lassen sie sich davon oft nicht mehr abbringen.

Papas Smartphone durch ein singendes Spielzeughandy ersetzen?

Nicht mit einem gefühlsstarken Kleinkind!

Es will genau dieses Handy, das es gerade hatte, und wird diesen Wunsch auch nicht durch kreative Ablenkungsmanöver aufgeben, sondern schreit und tobt mit unfassbarer Ausdauer bis zur totalen Erschöpfung.

Gefühlsstarke Kinder wirken dadurch oft sehr starrsinnig, in Wirklichkeit sind sie aber einfach sehr determiniert:

Wenn sie sich in den Kopf gesetzt haben, alleine ein Vogelhaus zu bauen oder in sämtlichen Hauptfächern mindestens eine Zwei zu schaffen, lassen sie von diesen Zielen ebenso wenig ab wie einst von Papas Telefon.

Buchtipp: Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden: Das praktische Arbeitsbuch. Mit zahlreichen Übungen, Checklisten und Denkimpulsen *

3.

Mein Kind ist überdurchschnittlich sensibel

Gefühlsstarke Kinder nehmen sämtliche Sinneseindrücke besonders stark wahr und lassen sich von einem unwillkommenen oder unerwarteten Geruch, Geräusch oder Gefühl auf der Haut oder im Mund leicht aus der Ruhe bringen.

Typisch für gefühlsstarke Babys ist, dass sie unglaublich empfindliche Schläfer sind und beim kleinsten Geräusch weinend hochschrecken.

Später sind gefühlsstarke Kinder oft sehr wählerisch, sowohl was Essen als auch was Kleidung angeht, die sie auf ihrer Haut ertragen können (Wolle empfinden sie oft als zu kratzig, Jeans als zu steif und eng, Knöpfe als drückend, Socken als unangenehm …).

Besonders tricky für Eltern ist, dass gefühlsstarke Kinder oft ganz besonders feine Antennen für die Emotionen der Erwachsenen im Raum haben (auch die, die den Menschen selbst gar nicht bewusst sind).

Gefühlsstarke Kinder neigen sehr stark dazu, ihren Eltern diese Emotionen unbewusst zu »spiegeln«, also in ihrem eigenen Verhalten die Gefühle auszuleben, die sie unbewusst wahrgenommen haben.

Sie legen dementsprechend beeindruckende Wutanfälle hin, wenn sie unterdrückte Wut spüren, weinen ohne ersichtlichen Grund, wenn jemand in ihrer Nähe – möglicherweise, ohne es selbst zu wissen – traurig ist,

und beantworten jede Unsicherheit und jeden Selbstzweifel von Mutter oder Vater, indem sie selbst alles in Frage stellen und ganz viel Rückversicherung brauchen.

Auch wichtig: Was tun, wenn mein Kind plötzlich sehr anhänglich ist?

4.

Mein Kind ist außergewöhnlich offen für alle Eindrücke

Gefühlsstarke Kinder sind häufig geborene Detektive.

Durch ihre rasche Auffassungsgabe und ihr Auge fürs Detail bemerken sie jede kleine Veränderung und ziehen ihre Schlüsse daraus:

»Du riechst heute anders, nach Parfum – gehst du etwa nachher noch weg?«

Viele Eltern fühlen sich dadurch beobachtet und überwacht, dabei achten gefühlsstarke Kinder gar nicht bewusst auf solche Kleinigkeiten – diese springen sie regelrecht an und lenken sie oft von anderen Dingen ab.

Typisches Beispiel: Für gefühlsstarke Kinder ist es häufig geradezu unmöglich, die simple Aufforderung umzusetzen, rasch in die Küche zu gehen und dort das Salz zu holen.

Denn auf dem Weg dorthin bannen so viele Dinge ihre Aufmerksamkeit, dass sie darüber nach kurzer Zeit ihren ursprünglichen Auftrag komplett vergessen.

Nach einer halben Stunde kann man sie dann auf halbem Weg zur Küche im Flur vorfinden, wo sie fasziniert beobachten, wie eine Stubenfliege einen Brotkrümel verspeist.

 

Verbale Ausrutscher bei Kindern: So reagierst du richtig
Lesetipp!

5.

Mein Kind kann Abweichungen von Routinen kaum aushalten

Gefühlsstarke Kinder fühlen sich oft völlig überfordert, wenn vertraute Routinen unverhofft durchbrochen werden.

Als Gegenpol zu ihrem von Natur aus chaotischen und überwältigenden Innenleben schätzen sie nämlich häufig klare und berechenbare Strukturen, an denen sie sich im Alltag entlang hangeln können.

Ferien und Feiertage stellen für sie deshalb oft nur schwer zu bewältigende Herausforderungen dar, auf die sie sich zwar einerseits freuen, die aber andererseits oft in Wutanfällen und Tränen enden.

Ein unklarer Tagesablauf plus viele Menschen plus ein hoher Geräuschpegel plus unzählige weitere Sinneseindrücke führen oft dazu, dass gefühlsstarke Kinder das Gefühl haben, ihr Kopf stünde kurz vorm Explodieren.

Unkontrollierte Zornausbrüche, heftige Aggressionen und provozierendes Verhalten sind oft der Ausdruck dieser Überforderung –

und lassen Eltern oft wütend und enttäuscht zurück, weil der liebevoll vorbereitete Kindergeburtstag, die große Ostereiersuche im Familienkreis oder der feierliche Gottesdienst zur Kommunion der Cousine wieder mal vom eigenen Kind gesprengt wurden.

ODER

Mein Kind empfindet jede äußere Struktur als Freiheitsberaubung.

Während sich viele gefühlsstarke Kinder dankbar an Routinen und Strukturen orientieren, gibt es andere, die eine regelrechte Aversion gegen alles Regelmäßige, Immergleiche, Festgezurrte haben.

Diese Kinder etwa an eine feste Bettgehzeit zu gewöhnen, ist ein aussichtsloses Unterfangen, ebenso wie das Einführen einer klaren Morgenroutine.

Sie haben einen unglaublichen Freiheitsdrang und können nur dann kooperieren, wenn ihnen eine aktive Entscheidung ermöglicht wird, was sie in welcher Reihenfolge und zu welchem Zeitpunkt tun wollen.

Buchtipp: Übermütig – laut – sensibel: Eine neue Sicht auf Ihr temperamentvolles und gefühlsstarkes Kind *

6.

Mein Kind hat scheinbar niemals endende Energie

Gefühlsstarke Kinder werden oft als wilde Kinder beschrieben.

Tatsächlich haben viele von ihnen einen immensen Bewegungsdrang, der dazu führt, dass sie ganz zappelig werden, wenn sie sich nicht genügend auspowern konnten.

Ganz typisch ist das Bedürfnis, selbst beim Stillsitzen etwas mit den Händen zu tun:

Papier in kleine Schnipsel zu reißen, an der eigenen Kleidung herumzufummeln, wieder und wieder die eigenen Buntstifte zu spitzen.

Doch die Zuschreibung, dass energiegeladene Kinder sich einfach nur müde turnen müssen wie Hütehunde, greift zu kurz.

Gefühlsstarke Kinder sind weniger wild, sie haben vielmehr einen starken Selbstwirksamkeitsdrang.

Das heißt: Dass sie so viel klettern, rennen und hüpfen, hat oft weniger mit einem unbändigen Bewegungsbedürfnis zu tun als mit der Hartnäckigkeit, mit der sie bestimmte Ziele verfolgen.

Wenn sie aus dem Gitterbettchen klettern wollen, dann klettern sie aus dem Gitterbett, auch wenn sie dazu hundert Versuche brauchen.

Wenn die Schokolade im obersten Regal der Speisekammer liegt, dann hieven sie eben einen Stuhl auf den Wäschetrockner und versuchen so lange, da hoch zu kommen, bis es klappt.

Und wenn sie nicht nach Hause gehen wollen, bis sie den Basketball in den Korb geworfen haben, mobilisiert dieses Ziel in ihnen die Energie, es stundenlang weiter zu probieren.

Buchtipp! *

7.

Mein Kind tut sich sehr schwer mit Veränderungen

Dass Mama eine neue Brille bekommt, kann für ein gefühlsstarkes Kind eine echte Katastrophe bedeuten –

von einem Kindergartenwechsel oder gar dem Umzug in eine andere Wohnung ganz zu schweigen.

Die Schwierigkeit, mit neuen Situationen klarzukommen, wächst dabei mit jeder Beteuerung der Eltern, dass das doch alles nicht so schlimm sei, weil das gefühlsstarke Kind dann den Eindruck hat, seiner eigenen Wahrnehmung nicht vertrauen zu können.

Gefühlsstarke Kinder brauchen deshalb Gelegenheit, sich langsam, schrittweise und mit viel einfühlsamer Begleitung an neue Situationen zu gewöhnen.

8.

Für mein Kind ist das Glas oft halbleer

Gefühlsstarke Kinder können sich unglaublich freuen, aber sie sind oft auch sehr grüblerische, nachdenkliche Menschen, die sich auf das Schwierige, Problematische, Negative fokussieren.

Für Eltern ist das nur schwer zu ertragen, wenn die prägendste Erinnerung an den Ausflug in den Zoo das heruntergefallene Eis ist.

Auch wichtig: 20 erfolgreiche Wege, liebevoll mit deinen Kindern zu reden (damit sie sich trotz Kritik geliebt und angenommen fühlen)

Doch gefühlsstarke Kinder entscheiden sich nicht bewusst dazu, die Welt durch diese Brille zu sehen.

Sie sind vielmehr ständig auf der Suche nach Problemen, weil sie durch ihren wachen Geist auch an deren Lösung interessiert sind, erforschen also gewissermaßen das Verbesserungspotential in jeder Situation, das, was man noch verändern könnte.

Auch wenn sie oft skeptisch und grummelig wirken, sind sie also mit ihrer manchmal defizitorientierten Sicht auf die Dinge keine Schwarzmaler, sondern eher auf dem Weg dahin, kluge Skeptiker und konstruktive Kritiker zu werden.

Diese und viele weitere Tipps findest du in diesem Buch: So viel Freude, so viel Wut: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten – Mit Einschätzungstest für Eltern und Kinder *